Die S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen“ wird von den Schulmedizinern gut akzeptiert. Warum es dennoch an der Umsetzung hapert, nach welchen Kriterien die Empfehlungen für die einzelnen Maßnahmen vergeben werden und welche Rolle die Heilpraktiker spielen – Interview mit Prof. Jutta Hübner, Jena

Vor zwei Jahren ist die S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Onkologie veröffentlicht worden. Frau Prof. Hübner, ist die Umsetzung in der Praxis angekommen?
Hübner: Ich glaube, dass die Umsetzung erst teilweise in der Praxis angekommen ist. Aber sie hat natürlich viel bewegt. Die Kollegen merken, dass sie sich mit den Themen auch wissenschaftlich auseinandersetzen können. Die Akzeptanz der Leitlinie ist, glaube ich, sehr gut. Allerdings ­besteht zwischen Akzeptanz und praktischer Umsetzung doch noch ein Unterschied. Denn man braucht Zeit und personelle Ressourcen, um die Empfehlungen auch wirklich umsetzen zu können.

Und daran fehlt es?
Diejenigen Kollegen, die sehr wissenschaftlich arbeiten und die Leitlinie gut finden, haben nicht genügend Zeit, entsprechende Maßnahmen mit dem Patienten umzusetzen. Den Part übernehmen dann eher Menschen, die sich beruflich entsprechend verorten oder die Zeit dazu haben. Bei diesen Menschen trifft die sehr wissenschaftliche Sichtweise der S3-Leitlinie nicht immer auf Zustimmung – um es vorsichtig auszudrücken.
 
Sie haben für die Leitlinie nicht nur ­Zustimmung bekommen.
Ich glaube, wir haben sehr viel Zustimmung aus der Schulmedizin erhalten, da deutlich wird, dass wir sehr wissenschaftlich vorgegangen sind. Aber wir haben Kritiker im Bereich der alternativen Medizin, die die Formulierungen für zu streng halten. Das macht die Sache schwierig. Es gibt aber auch ein paar Kapitel in der Leitlinie, die nicht ganz so wissenschaftlich sind, wie ich mir das gewünscht hätte. 

Sie sagen, die Beratung sei zeitintensiv. Sind dafür spezielle Sprechstunden oder Teams notwendig, die qualifiziert beraten können? 
Ich selbst habe eine spezielle Sprechstunde. Aber ich halte es für besser, wenn die Thematik in den nächsten Jahren in der ganz normalen Beratung ankommen würde. Es geht hauptsächlich um das Nebenwirkungs-Management, zum Beispiel Ingwer bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit oder Entspannungsübungen bei leichten Durchschlafstörungen. Auch ausgewogene Ernährung und Sport sollten Teil jeder normalen Beratung sein. Und es hat viel mit Psychologie zu tun. Denn die Patienten wollen in der Regel selbst ­etwas tun, um sich nicht völlig hilflos zu fühlen. Hier besteht die Gefahr, dass sie irgendwann Richtung Alternativmedizin gehen. Ich würde mir deshalb wünschen, dass sich jeder Arzt ein Spektrum an naturheilkundlichen Behandlungen zurechtlegt. Eine Spezialsprechstunde braucht man dann nur noch für die etwas schwierigeren Themen.

Was verstehen Sie unter schwierigen Themen?
Wenn beispielsweise ein Patient besondere Wünsche und Vorstellungen hat, vielleicht auch vor dem Schritt steht, in die Alternativmedizin abzugleiten, braucht es mehr Zeit, um zu erklären, warum wir bestimmte Dinge vielleicht nicht empfehlen. Ein krasses Beispiel sind Aprikosenkerne, das sogenannte Vitamin B 17, was im Prinzip im Körper Blausäure freisetzt. Im Internet und in den sozialen Medien finden sich dazu die absurdesten Dinge. Es braucht Zeit und Ruhe, um die Problematik einem Patienten vernünftig zu kommunizieren. 

Sie empfehlen jedem Ihrer Patienten tatsächlich Sport zu treiben, auch schwer Kranken?
Bewegung ist immer möglich. Das muss ja nicht der Hürdenlauf sein, sondern so viel, wie machbar ist. Jeder Patient, auch in weit fortgeschrit­tener Tumor-Situation, profitiert von einem Bewegungs-Programm. Dasselbe gilt auch für ausgewogene Ernährung. Zu den Aspekten Sport und Ernährung werden deshalb derzeit extra Leitlinien erarbeitet.

Für Sport spricht die Leitlinie eine der wenigen „soll“-Empfehlungen aus. Ansonsten lautet die Empfehlung meist „sollte“, „kann“ oder „nicht geeignet“. Warum? 
Die Terminologie ist in der Leitlinie genau festgelegt. „soll“ bedeutet: Es gibt mehrere große, methodisch sehr gut gemachte ­Studien, die einen positiven Effekt zeigen. „kann“, wird vergeben, wenn die Qualität der Studien eher gering ist, das heißt, die Studiengruppe nur klein ist und keine randomisierte kontrollierte Studie vorliegt. In der Leitlinie sehr oft vergeben haben wir „kann erwogen werden“. Das heißt, wir haben keinen Beweis, dass es wirklich funktio­niert. Aber es spricht auch nichts dagegen. Es ist leider so, dass wir wenig wirklich belastbare, gute Studien haben.

Dem Klischee nach sind es vor allem Frauen, die sich für komplementäre Medizin interessieren.
Das ist kein Klischee. Das zeigen auch unsere eigenen Befragungen: 90 Prozent der Brustkrebspatientinnen in Deutschland nutzen komplementärmedizinische Angebote. Es sind eher Frauen, weil sie sich insgesamt mehr mit Gesundheitsthemen beschäftigen. Internationalen Daten zufolge trifft das auch für Menschen mit höherer Bildung zu. Aber ich glaube, dass sich das in Zeiten der sozialen Medien langsam auflöst. Außerdem gibt es ein Ost-West-Gefälle in Deutschland: In den westlichen Bundesländern ist die Nachfrage nach alternativen Methoden sehr viel größer als im Osten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass in der DDR alternative Therapien verboten waren und nicht angeboten wurden. Auch dieser Unterschied verschwindet jetzt natürlich langsam, weil es eine Migration zwischen den ehemaligen ­Landesteilen gibt.

Was erwarten die Patienten? Ein Wundermittel? Oder ist es der Strohhalm, an den sie sich verzweifelt klammern? 
Patienten, die nach komplementärmedizinischen Maßnahmen fragen, sind häufig nicht verzweifelt, sondern haben verstanden, dass wir helfen können und sie dazu beitragen möchten. Es gibt aber auch diejenigen Patienten, die wissen, dass sie eine schlechte Prognose haben. Bei dieser Gruppe besteht die Gefahr, dass sie zwar unsere Angebote nutzen, aber auch nach weiteren Alternativen suchen. Auf diese Gruppe muss man ein bisschen aufpassen, dass sie zumindest nichts machen, was ihnen schaden könnte. 

Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Patienten, die Eigeninitiative entwickeln, ohne den Arzt, die Ärztin zu informieren?
Ich würde sagen, dass der größte Teil der Patienten, die auf komplementäre oder alternative ­Methoden setzen, nicht mit ihrem Arzt darüber sprechen. Das ist ein Kommunikationsproblem, weil wir nicht die Zeit haben zuzuhören oder auch auf die Zwischentöne zu achten, nicht Zeit haben, um ausführlich zu erklären. Der Markt der komplementär-alternativen Medizin dagegen ist ein freier Markt, in dem sich im Wettbewerb nur gute Kommunikateure halten. Dazu kommt, dass die angebliche Wirkweise alternativ-medizinischer Angebote für Laien leichter zu verstehen – aber leider trotzdem falsch – ist. 

Sie sprechen zum Beispiel von Heilpraktikern?
Das Problem ist, dass wir in Deutschland den staatlich geprüften Heilpraktiker haben. Das suggeriert, dass dieses Prädikat eine sinnvolle Prüfung voraussetzt – was aber nicht der Fall ist. Für die Überwachung sind formal die Gesundheitsämter zuständig. Aber diese sind zeitlich gar nicht dazu in der Lage. Deshalb lautet meine Forderung und die vieler Kollegen: Abschaffung des staatlich geprüften Heilpraktikers.

Sie plädieren dafür, den Beruf des Heilpraktikers abzuschaffen?
Das heißt nicht, dass wir den Beruf des Heilpraktikers abschaffen wollen. Den Beruf wird es weiterhin geben und das finde ich auch völlig okay. Wichtig ist, dass die Patienten klar erkennen können, dass es sich um einen un­regulierten Bereich handelt. Einige Kollegen fordern deshalb eine gute Heilpraktiker-Ausbildung. Davon bin ich nicht ganz überzeugt. Denn ich glaube nicht, dass das viel ändern würde. Wer wirklich davon überzeugt ist, für andere Menschen im Gesundheitsbereich etwas Gutes tun zu wollen, soll bitte einen ordentlichen medizinischen Beruf ausüben, ob er Arzt wird oder Pflegekraft oder Physiotherapeut oder Ernährungs-/Diät-Assistent. Wir haben eine Bandbreite von tollen Berufen und wir brauchen dringend in jedem Bereich Personal. Das würde auch die Kommunikation im normalen Gesundheitssystem verbessern. Ich glaube, dass wir das Geld, die Manpower in unser Gesundheitssystem, in gute Berufe und damit in mehr Kommunikation beim Patienten einbringen sollten. Denn was wir wirklich verbessern müssen, ist die Kommunikation mit unseren Patienten im normalen Gesundheitssystem. Denn das geht so nicht weiter. 

Das kostet Geld, das wahrscheinlich nicht ­verfügbar ist.
Dann müssen wir an anderen Stellen im Gesundheitssystem radikal streichen, das ich mir klar. Aber ich glaube, dass wir langfristig auch viel Geld gewinnen, beispielsweise wenn wir un­nötige Mehrfachuntersuchungen verhindern. Hier würde sich sinnvoll sparen lassen.

Interview: Cornelia Weber 

Foto: AdobeStock/photopixel

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